Ein 1 Leben mit Down Syndrom

Bischof Kamphaus hat mit seinem unermüdlichen Einsatz für benachteiligte Menschen in unserer hochzivilisierten Gesellschaft nachhaltige Spuren hinterlassen.

In einer Zeit, in der unserer Gesellschaft stolz die Möglichkeiten und Perspek-
tiven einer vorgeburtlichen Diagnostik zur Früherkennung eines werdenden Menschen mit Down-Syndrom mittels eines einfachen Bluttests präsentiert werden, ist die authentische warnende Stimme und Autorität des Altbischofs von Limburg so wichtig wie wohltuend. Er, der unermüdlich die Würde und die Bedeutung aller Menschen herausstellt, unabhängig von ihrer körperlichen oder mentalen Disposition, steht für den Kampf um elementare ethische Werte, die wichtigen Eckpfeiler einer christlichen Lebensführung.


Die Mission behinderter Menschen

von Bischof em. Dr. Franz Kamphaus - Ein Beitrag für die Festschrift von Bischof Fürst vom 03.12.2008

Die wohl bekannteste Gestalt mit einer starken Behinderung findet sich in einem Roman von Victor Hugo. Sie heißt Quasimodo und hat als Glöckner von Notre Dame Aufsehen erregt. Die Geschichte ist inzwischen zweimal verfilmt, als Hörspiel gesendet und als Musical aufgeführt. Victor Hugo beschreibt die Reaktion auf das Findelkind so:

Es war ein eckiger, sehr beweglicher Klumpen, der in einem Sack steckte. Nur der Kopf schaute heraus … ein missgestaltetes Ding. Man sah nur einen Wald fuchsroter Haare, ein Auge, einen Mund und Zähne. Das Auge weinte, der Mund schrie, und die Zähne schienen Lust zum Beißen zu haben … Eine der Schaulustigen meinte: 'Es ist ein wahres

Ungeheuer von Scheußlichkeit, dieses sogenannte Findelkind'; eine andere ergänzte: 'Ich glaube, es ist ein Tier, der Bastard eines Juden und einer Sau; irgendetwas Unchristliches ist es ganz gewiss' … 'Man müsste es ins Wasser oder ins Feuer werfen.'“

Tiefsitzende Widerstände

Eines zeigt schon der Anfang der Geschichte des Quasimodo: Das Überleben behinderter Menschen hängt entscheidend davon ab, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt. Von je her hatten sie unter vielfachen Abgrenzungen zu leiden, die oft zur Ausgrenzung geführt haben. Als „Krüppel“ und „Schwachsinnige“  abgestempelt, hatten sie noch nie viel zu lachen. In der Antike waren griechische und römische Schönheitsideale maßgebend: perfekte Menschen mit perfekten Körpern. Sie wurden in Olympia umjubelt und gekrönt und in der Kunst dargestellt. Wer diesem Ideal nicht entsprach, war arm dran. Platon forderte, verkrüppelte Kinder auszusetzen.

Es war ein langer Weg vom Tollhaus bis zur Werkstatt für Behinderte. Heute gibt es Arbeitsplätze für sie in der freien Wirtschaft und Verwaltung – wenn auch noch viel zu wenige - es gibt Förderprogramme und finanzielle Vergünstigungen. Es gibt nicht nur Olympia, sondern auch die Para-Olympics.

Dennoch, all zu oft sind archaische Praktiken nicht wirklich überwunden, sondern nur zivilisatorisch verfeinert. Wir lassen es zu, dass Kinder bis zum neunten Monat unter dem Deckmantel einer falsch verstandenen Mitmenschlichkeit abgetrieben werden. Diese Einstellung ist oft genug das Produkt eines in den Medien propagierten Schönheitswahns. Längst lebt der alte Traum vom perfekten Menschen wieder auf – vom Menschen mit medizinischem Gütesiegel. Er wird stets auf Kosten der nicht so perfekten Menschen geträumt. Dazu gehören wir früher oder später alle.

Wenn wir Menschen mit schweren Behinderungen sehen, erschrecken wir fast instinktiv und weichen aus. Wir versuchen, uns möglichst schnell an ihnen vorbeizudrücken. Manch einer denkt: 'Besser, sie wären nicht geboren! Was wäre den Eltern und der Gesellschaft alles erspart geblieben!' Die Abneigung gegen körperlich oder geistig behinderte Menschen sitzt uns von der Evolution her in den Knochen. Gerade in unserer Gesellschaft sehen wir fast nur noch Gesundheit und Vitalität, Stärke und Leistung. Niemandem ist ein Vorwurf daraus zu machen, dass er verunsichert ist und abwehrend reagiert, wenn er behinderten Menschen begegnet. Aber das ist keine Entschuldigung, sondern eine Herausforderung. Wir haben lebenslang daran zu arbeiten, diese Menschen in Freiheit und Liebe zu würdigen wie jeden anderen. Leider wird ihnen heute in zunehmend vielen Fällen das Leben genommen, bevor sie zur Welt kommen.


Die Gnade der frühen Geburt …

Noch vor dreißig Jahren gab es kaum eine Möglichkeit, Behinderungen vor der Geburt festzustellen. Das hat sich durch neue Methoden der Früherkennung grundlegend geändert. Inzwischen können bald nach der Zeugung mehr als sechshundert Krankheiten im Erbgut erkannt werden. Nur sehr wenige davon sind derzeit zu heilen. Bei einer Krankheitsdiagnose ohne Heilungsaussichten denken immer mehr Frauen an Abtreibung. Zwischen Zeugung und Geburt schiebt sich mit der Pränataldiagnostik ein vorher unbekannter Konflikt mit zweischneidigen Folgen. Auf der einen Seite erhöhen sich die therapeutischen Chancen, zugleich aber wächst die Tendenz, auszuwählen. Die einen werden geboren, die anderen abgetrieben. Unter der Hand werden bestimmte Menschen per se zu einem unerwünschten Risiko. Die Entscheidung, dieses Risiko zu tragen, fällt nicht nur in den Verantwortungsbereich der Eltern; sie gerät im Ernstfall unversehens zu ihrer „Schuld“: Wer in Zeiten vorgeburtlicher Diagnostik noch ein erbkrankes Kind zur Welt bringt, ist selbst „schuld“; er hat - so die Meinungstendenz - auch die Lasten und Kosten zu tragen und nicht andere zu behelligen. Mehrere länderübergreifende Untersuchungen belegen, dass fast alle Kinder mit Down-Syndrom nach einer vorgeburtlichen Diagnostik abgetrieben werden. Ähnlich sieht es bei anderen genetisch bedingten Erkrankungen aus. Wissenschaftler sprechen von einem breit vertretenen „Selektionskonsens“. Niemandem soll die rassistische oder eugenische Ideologie der Nazis unterstellt werden. Aber niemand sollte sich auch darüber hinwegtäuschen, dass unauffällig vor der Geburt eben das im Ergebnis geschieht, was den Nationalsozialisten bei ihrer eugenischen Politik vorschwebte. Im Grunde handelt es sich um eine zunehmend verfeinerte Qualitätskontrolle für Embryonen, die positiv ein möglichst perfektes „Designer-Baby“ zu garantieren sucht, die negativ nach „Ausschuss-Ware“ fahndet, die der Mühe und Kosten ihrer „Aufzucht“ nicht wert ist. Ist es nicht verräterisch, dass von den Anfängen der Eugenik an das volkswirtschaftliche bzw. ökonomische Argument eine große Rolle spielte und noch immer spielt? Die Pränataldiagnostik verschärft die Gefahr, nicht nur Schwächen aufzuspüren, sondern die Schwachen und als „unwert“ erachtetes Leben zu „entsorgen“. Faktisch wird hier die Solidargemeinschaft mit den betroffenen Eltern und Kindern aufgekündigt. Das hat unübersehbare Folgen. Der Umgang mit behinderten Menschen vor der Geburt ist ein Menetekel für den Umgang mit behinderten, schwachen und alten Menschen überhaupt. Wem eigentlich soll es einleuchten, dass die Gründe, die nach der Geburt für eine Benachteiligung vollmundig abgelehnt werden, vor der Geburt für eine Tötung sprechen? Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Betroffenen sind nicht zu überhören. Christian Judith, ein Vorkämpfer in der Behindertenbewegung, spricht von der „Gnade der frühen Geburt“. Sehr bitter über die heutige Entwicklung lässt er seine Erleichterung spüren, dass er zu einer Zeit geboren ist, als seine Behinderung noch nicht pränatal erkannt werden konnte. Ein anderer Betroffener sagt angesichts der Tatsache, dass er bei seiner Behinderung heute kaum zur Welt gekommen wäre: „Ich fühle mich wie weggeschmissen.“


Option für Menschenleben in Vielfalt

Was veranlasst Christen, trotz aller inneren und äußeren Widerstände rückhaltlos für das Lebensrecht der behinderten Menschen einzustehen? Die kürzeste und aufregendste Antwort auf diese Frage steht auf der ersten Seite der Bibel: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Das ist und bleibt revolutionär. Es sind keine großen Statuen oder Tiere, die als wirkmächtige Repräsentationen Gottes gelten, auch keine Priester oder Könige. Der Mensch ist es, jeder Mensch, Adam und Eva, Mann und Frau. Darin sind alle gleich. Nicht der eine „gleicher“ als der andere; nicht der eine wertvoll, der andere unwert. Ebenbild Gottes besagt, dass der Mensch einer letzten Bewertung durch Menschen entzogen ist. Vorgängig zu seinen Fähigkeiten und Behinderungen ist er von Gott angenommen und durch Jesus Christus erlöst. Darin gründet seine unveräußerliche Würde. Die gewährt weder Staat noch Gesellschaft noch Eltern, und darum können sie sie auch nicht entziehen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil Gott ihr Urheber und Garant ist. Wenn der Mensch das Ebenbild Gottes ist, dann ist er auch einbezogen in das 2. der Zehn Gebote: „Du sollst dir kein Bild machen von Gott“. Das Bilderverbot lautet dann: Du sollst dir kein Bild machen von Gott und nicht vom Menschen, der sein Ebenbild ist (vgl. Max Frisch). Die Anfertigung eines Gottesbildes verstößt gegen Gottes eigene Intention. Es gibt ja schon eins, das er selbst geschaffen hat: der lebendige Mensch.

Wir leben in einer visuellen Kultur. Damit stehen wir in der Gefahr, unser Denken von Bildern überwältigen zu lassen. Bilder beflügeln die Fantasie. Wir projizieren in sie unsere Ängste und Hoffnungen und übertragen sie immer wieder auf Menschen. Ist das nicht bezeichnend: Das erste Bild, das wir heute in der Regel von einem Menschen haben, ist der Blick des Arztes auf den Embryo bei der Ultraschalluntersuchung. Nicht die Mutter blickt auf ihr Kind, sondern sie tut es nach dem Arzt mit dessen nach Fehlern fahndenden Augen.

Wer im anderen das Ebenbild Gottes erkennt, der sieht ihn mit anderen Augen.

Er erblickt in ihm nicht nur das Ebenbild eines Menschen. Wäre er nur das, etwa nur das Produkt seiner Eltern, wäre er an deren Maß gekettet. Das ist unter seiner Würde. Bild Gottes zu sein schenkt dem Menschen die Freiheit, er selbst zu sein und es immer mehr zu werden, ein Original. Das ist ein Plädoyer für Menschenleben in Vielfalt, in Verschiedenheit. Wer nicht zählen kann, zählt mit. Behinderte Menschen haben ihr gutes Recht auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben. Es geht nicht nur darum, sich „aus lauter Liebe und Barmherzigkeit“ ihrer anzunehmen. Sie haben ein Recht auf Anerkennung und Entfaltung ihrer Person.


Der andere Blick

Jeder Mensch lebt ein Gutteil von dem „Ansehen“, das ihm entgegen gebracht wird. Es ist also lebenswichtig, dass und wie wir einander ansehen. Gibt es Größeres im Anderen zu entdecken als das Bild Gottes? Christen lassen sich von niemandem in der Achtung des Menschen übertreffen, schon gar nicht in der Achtung derer, denen mit ihrer Behinderung viel zugemutet ist. Wie werden sie in unserer Gesellschaft wahrgenommen? Worauf liegt das Augenmerk? Oft ist der Blick fixiert auf ihre körperlichen und geistigen Mängel. Normale (biologische) Prozesse scheinen gestört. Behinderung, so das gängige Verständnis, ist eine dauerhafte Beeinträchtigung dessen, was als „normal“ angesehen wird. Behindertes Leben erscheint dann als wie eine Minusvariante des Normalen. Das Normale ist das voll funktionsfähige menschliche Leben. Behinderte sind die, die dahinter zurückfallen. Ihr Leben steht damit fortwährend unter einem Minus. Das ist eine verkehrte, lebensschädliche Blickrichtung. Statt immer nur das zu sehen, was Behinderte nicht können, gilt es den Blick für ihre Fähigkeiten zu schärfen. Das gilt auch sonst im Alltagsleben. Jeder hat Fehler, jeder ist in bestimmten Bereichen unterdurchschnittlich. Aber unser Selbstwertgefühl, unser Ansehen beruht nicht auf unseren Mängeln, sondern auf unserem Können. Die reine Defizit-Sicht von Behinderung muss einer fairen Würdigung Platz machen. Danach ist Behinderung nicht die gestörte Funktionsfähigkeit eines Menschen, sondern das Ergebnis einer erschwerten, unter Umständen gestörten sozialen Beziehung zwischen einer organisch versehrten Person und ihrer Umwelt. Erst dieser gestörte Alltagsumgang macht den Benachteiligten letztlich zum Behinderten. In diesem Sinn sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Behinderung durch das Zusammenwirken von drei Faktoren verursacht: durch eine anatomische Schädigung (impairment), durch verschiedene Funktionsbeeinträchtigungen infolge dieser Schädigungen (disabilities) und der Benachteiligung im Alltag (handicap). Oftmals sind es die in ihren Folgen überhaupt nicht beabsichtigten Rückmeldungen und Reaktionen der nicht behinderten auf behinderte Menschen, die das Problem ausmachen. Zugespitzt formuliert: Behindert wird man nicht allein durch eine Beeinträchtigung, sondern durch eine behinderte Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, mit dem Anderssein von Mitmenschen umzugehen, die ihnen neben der ohnehin schon vorhandenen Beschädigung auch noch den Stempel „behindert“ aufdrückt. Statt behinderte Menschen immer nur in der Perspektive ihres Unvermögens zu sehen, gilt es die Augen zu öffnen für ihre Fähigkeiten. Wer Behinderung mit Leiden gleichsetzt, der übersieht viel Lebensfreude, viel Charakterstärke in der Art, wie Betroffene Einschränkungen ins eigene Leben integrieren. Im Atelier der Lebenshilfe Frankfurt arbeiten geistig behinderte Maler und Bildhauer. Ihre Kreativität kommt nicht aus ihrer Behinderung, sondern aus ihrer Begabung. Auf den rechten Blick kommt es an, darauf, sie so anzusehen, dass ihnen als Bild Gottes Ansehen geschenkt wird.


Ein gemeinsamer Lebensraum

Die Arbeit mit geistig behinderten Menschen ist in den vergangenen Jahrzehnten durch tiefgreifende Wandlungen geprägt. Sie orientierte sich zunächst an pädagogischen, dann an psychologischen und heilpädagogischen Konzepten, bis schließlich der Ertrag dieser unterschiedlichen Ansätze in die Leitidee „Selbstbestimmung“ mündete. Ziel ist, dass Menschen mit geistiger Behinderung entsprechend ihrer Situation und Kompetenz soweit wie eben möglich selbstständig leben. Sie sind gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger mit allen Rechten auf Erziehung, Bildung, Förderung und Entwicklung ihrer Person. Unabhängig von Art und Schwere der Behinderung haben sie ein Recht auf Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und darauf, dass ihre Würde nicht angetastet wird. Sie leben nicht in einer Sonderwelt, sondern in dem von allen für alle verantworteten Gemeinwesen (Inklusion!). Dieser Grundsatz hat einschneidende Konsequenzen. Gesellschaftliche Teilhabe ruft nach Präsenz im Gemeinwesen. Es genügt nicht länger, nur Heimplätze vorzuhalten, vor Ort müssen Lebens- und Arbeitsräume für behinderte Menschen geschaffen werden. Die Entwicklung stationärer Einrichtungen hatte in der Vergangenheit dazu geführt, dass sie ihre Region verließen und weit entfernt in „Anstalten“ lebten. Nun kehren sie in ihre Heimat zurück und können weiter in ihrem sozialen Umfeld wohnen. Das ist nur zu verantworten, wenn sie sich dabei auf eine angemessene Unterstützung verlassen können. Die Alternative Familie oder Heim wird aufgebrochen. Gefragt sind stützende Einrichtungen und Maßnahmen vor Ort, die das starre Entweder-Oder (ambulant oder stationär) zugunsten durchlässiger Lösungen erübrigen. Zu denken ist etwa an Betreutes Wohnen und Außenwohngruppen, an Familien stützende Dienste und Familienassistenz. Ziel ist es, dass Menschen mit Behinderung nicht ghettoisiert und bevormundet werden, sondern am Leben der Gesellschaft teilhaben und es selbstbestimmt mit gestalten können. Mit der Veränderung der Strukturen hin zu kleineren, übersichtlichen, dezentralen und gemeindenahen Einrichtungen und Diensten kommen Menschen mit Behinderung in ihre Herkunftsregion zurück und werden dort zunehmend präsent: in Kindergärten und Schulen, am Arbeitsplatz und an Freizeitorten. Sonderdienste und Sondereinrichtungen werden reduziert. Die Gemeinde wird zum primären Ort der Verantwortung für ihre behinderten Bürgerinnen und Bürger. Alle sind zur Solidarität herausgefordert. Ehrenamtlich engagierte Frauen und Männer bauen Brücken im Alltagsleben der Gemeinde und helfen, Barrieren, Scheu und Scham abzubauen. Nachdem unsere Gesellschaft über Generationen weitgehend entwöhnt worden ist, Menschen mit Behinderung im Alltag zu begegnen, eröffnet sich eine neue Chance des gemeinsamen Lebens. Daran mitzuwirken ist Auftrag und Verpflichtung für eine zukunftsfähige Gesellschaft.


Was der Mission im Wege steht

Die skizzierte Entwicklung in der Arbeit mit behinderten Menschen betrifft ganz ausdrücklich den kirchlichen Auftrag, und zwar nicht nur unmittelbar die professionelle kirchliche Behindertenarbeit (die die Entwicklung mit voran gebracht hat), sondern das Verständnis von Kirche als Gemeinschaft (communio) und die Arbeit in den Pfarrgemeinden vor Ort. In der Vergangenheit sind nicht nur die Menschen mit Behinderung weitgehend aus ihrem Horizont verschwunden, der Nächstendienst überhaupt hat sich in zunehmendem Maße außerhalb der Ortsgemeinden professionalisiert und verselbständigt. Im Ergebnis stehen die gut durch organisierte Caritas-Institution und eine ebenso perfekt strukturierte Pastoral (Seelsorgeamt) nebeneinander. Das schadet beiden. Wenn man vor Ort in den Gemeinden nicht mehr antreffen kann, wovon Predigt und Katechese sprechen, werden sie abstrakt und leer. Die Bußgottesdienste werden harmlos, die Fürbitten aus dem Buch abgelesen. Und die Leute kommen immer weniger über ihr Leben ins Gespräch. Für vieles, was sie umtreibt (ob sie Arbeit haben oder Schulden, ob ihre Beziehung hält und wie mit dem behinderten Kind umzugehen ist), das machen professionelle Dienste und der Fachverband. Diese Entwicklung lähmt nicht zuletzt die missionarische Kraft der Kirche. Denn der Nächstendienst ist das, was Christen gegenüber Außenstehenden am glaubwürdigsten macht. Aus all diesen Gründen muss immer mehr zusammenrücken und zusammenwachsen, was zusammen gehört: Nächstendienst (Caritas) und Gemeinde! Das dient vor allem den betroffenen hilfebedürftigen Menschen. Das dient den Gemeinden, indem es sie zu ihrer Sendung ruft. Und es dient schließlich den Caritas-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die sind oft ebenso isoliert wie ihre Klienten. Sie haben die Kirche als Arbeitgeber, kaum als Heimat. Das Miteinander und Ineinander von Nächstendienst und Glaubensdienst hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten so schnell ausgebreitet hat. Die frühchristlichen Gemeinden waren, wie H. Lutterbach aufgezeigt hat, in der caritativen Arbeit in höchstem Maße innovatorisch und sprachen dadurch viele an. Sie beriefen sich dabei auf die fundamentale Wahrheit des christlichen Glaubens: Wenn alle Menschen durch die Taufe gleich sind, dann dürfen die Menschen mit Beeinträchtigungen nicht ausgeschlossen werden. Sie lebten folglich mitten in der Gemeinde, sie gehörten dazu. Es gab keine Sondereinrichtungen oder Sonderwelten für sie, sie waren vor Ort präsent.

Der Wandel in der Behindertenarbeit heute könnte eine Chance für die Pfarrgemeinden oder Seelsorgseinheiten sein, sich nicht nur mit sich selbst zu befassen und damit abzusterben, sondern diakonische Kompetenz und damit Glaubwürdigkeit und missionarische Kraft zurückzugewinnen. Es ist ja nicht zu übersehen, dass der in den vergangenen Jahren theologisch exakt erarbeitete und schriftlich und mündlich verkündete missionarische Auftrag der Kirche kaum Wirkung zeigt. Er lässt sich nicht allein durch Verkündigung und Katechese erledigen. Er muss durch den Nächstendienst geerdet sein und sich als lebensdienlich erweisen. Was wird geschehen, wenn behinderte Menschen verstärkt vor Ort in Erscheinung treten? Eigentlich müssten die Pfarrgemeinden für sie die erste Adresse sein. Werden sie dort wahrgenommen? Wird ihnen der Platz eingeräumt, den das Evangelium für sie vorsieht, oder werden sie bei der jahrelangen Selbstbeschäftigung mit Pastoralstrukturen übersehen und aus dem Blick geraten? Christinnen und Christen wissen doch, dass in ihnen das Bild Gottes zu finden ist, dass sie einer oder eine von uns sind und, was das Gewicht noch verstärkt: dass sie getauft sind. Da müssten Berührungsängste

überwindbar sein, da müsste eine barrierenfreie Begegnung möglich werden. Da müsste alle Hilfe geboten werden, um das Leben in Würde zu gestalten. Es gilt für alle Beteiligten: Wem etwas zugetraut wird, der kann sich trauen!

Die „Arche“ ist eine christliche Lebensgemeinschaft mit behinderten Menschen.

Ihr Gründer wurde vor einigen Jahren von Papst Johannes Paul II. für sein Lebenswerk geehrt. Am Ende der Feier half der Geehrte dem behinderten Papst aus dem Stuhl. Er führte ihn zu seiner Gruppe von behinderten Frauen und Männern. Der Papst begrüßte jeden und jede sehr persönlich. Als er sich verabschiedet hatte, hielt er an der Tür einen Moment inne, drehte sich um und rief den behinderten Menschen zu: „Führt die Kirche ins dritte Jahrtausend.“


Aufeinander angewiesen

Mit Behinderungen sein Leben zu führen hat einen eigenen Sinn. Für die Mehrzahl der Menschen relativiert es die gewohnten Maßstäbe des Sinnvollen und Nichtsinnvollen. Nichtbehinderte erkennen, dass es möglich ist, sinnvoll zu leben – bei allem Anderssein. Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Sie entdecken am Anderen neue Möglichkeiten, mit den Grenzen auch des eigenen Lebens umzugehen. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser oder schlechter zu traktieren. Sie lernen, Ängste vor dem Unbekannten und Befremdlichen zu überwinden. Sie lernen eine Art von Menschlichkeit, die für viele Platz hat. So besehen, sind Menschen mit Behinderungen besondere Autoritäten für den Reichtum sinnerfüllten Lebens, der sich in kein festgefügtes Bild pressen lässt. Behinderte haben ihren Mitmenschen viel zu sagen: 'Merkt ihr nicht', sagen sie, 'wie behindert ihr seid: behindert durch eure Vorstellung, ihr dürftet von niemandem abhängig sein, ihr müsstet alles selbst in den Griff bekommen und unter Kontrolle haben …' Wir vermeintlich Unbehinderten sind auf die Behinderten angewiesen, um die eigenen Grenzen zu entdecken und dazu zu stehen. Je mehr jemand seine eigenen Behinderungen und Einschränkungen annimmt, wird er auch ein Gespür für den Umgang mit behinderten Menschen bekommen. Der evangelische Pfarrer Ulrich Bach, seit dem 23. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt, sagt: „Eine Gemeinde ohne Behinderte ist eine behinderte Gemeinde.“ Sie hat nicht begriffen, was sie nach Gottes Willen in dieser Welt sein soll: Nicht nur eine Gemeinde von gesunden, glaubensstarken und belastbaren Leuten, die sich einsetzen für die Armen, Schwachen und Behinderten. Sie soll vielmehr eine Gemeinschaft von Menschen sein, von denen keiner ganz schwach und keiner ganz stark ist, keiner nur behindert und keiner ganz unbehindert; eine Gemeinschaft von Menschen, die Jesus an seinem Tisch zusammengebracht hat und beieinander hält, damit sie sich mit ihren Stärken und Schwächen ergänzen, einer die Last des anderen trägt, mit der Schulter, die er gerade frei hat. „Was wir können und was wir nicht können, das alles gehört uns gemeinsam. Und für uns miteinander wird’s schon reichen.“

Dem eingangs zitierten Glöckner von Notre Dame – von den Menschen wie ein Monster begafft - geschah nichts. Als das Feuer schon angezündet war, so erzählt Victor Hugo, trat ein junger Pfarrer vor, der abseits gestanden und alles mit angehört hatte. Er legte die Hand auf ihn. „Ich nehme dieses Kind an“, sagte er gerade noch rechtzeitig. Er nahm es auf den Arm und trug es fort. Er taufte es auf den Namen des Tages, an dem er es gefunden hatte: Quasimodo (Introitus des 2. Ostersonntages), und brachte damit zum Ausdruck: Das ist ein Gotteskind. Der Pfarrer unterrichtete seinen Adoptivsohn selbst und machte ihn, nachdem er zum Erzdechanten von Notre Dame in Paris ernannt war, zum Glöckner dieser Kathedrale. Dort lebte der Verwachsene in einem Heiligtum von unendlicher Harmonie. Er hat die Würde seines behinderten Lebens an die große Glocke gehängt.


Franz Kamphaus